Presse

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Heinz Otterson verewigte Geister und Dämonen in Öl
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Morgenpost, 18.09.1988

Heinz Otterson verewigte Geister und Dämonen in Öl

Geister, Dämonen, Totenschädel und Skelette – ein Sammelsurium von furchterregenden Gestalten beherrscht das bildnerische Werk von Heinz Otterson.„Draculas Sancho Pansa“ und „Gespensterbeschwörer“, Bezeichnungen aus dem Katalog des Neuen Berliner Kunstvereins, charakterisieren den Charlottenburger Zeichner, Maler, Bildhauer und Poet. Im Alter von 50 Jahren starb er 1979 an einem Herzinfarkt. Jetzt widmete ihm die Villa Oppenheim anläßlich seines 60. Geburtstages eine Retrospektive. Ottersons 22 phantastisch-realistische Ölbilder erzählen Geschichten aus dem Reich des Unterbewußtseins. Vorwiegend in düsteren Tönen zaubert der Künstler Figuren aus Märchen, Sagen und Phantasie auf großen Flächen. Die Motive zeichnet er dicht aneinander, übermalt sie, um eine drohende, manchmal chaotische Stimmung zu beschwören. „Selbstmörder“, „Untergang einer Stadt“, „Draculas Heimat“ oder „Raunen in der Dämmerung“ - schon die Titel jagen einem kalte Schauer über den Rücken. Arbeitsbücher und Skizzen zeigen Ottersons Ideen und geben Einblick, wie seine Werke entstanden sind. 30 Grafiken, darunter der „Hugenottenzyklus“, sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Warum hat Otterson nur so angsteinflößende Bilder gemalt? „Um seine inneren Ängste auszudrücken“, meint seine Frau Renate. Auch seine Skupturen können einem das Fürchten lernen. Dafür nahm der Bildhauer Fundstücke vom Schrottplatz, die er verchweißte und schmiedete. „Arzt, Patient und Tod“ heißt eine Gruppe, „Doppelkopfteufel“ und Kremtoriumsharfe“ sind andere berdohliche Namen. Ein Videofilm, bei dem der 1928 geborene Heinz Otterson mitwirkte, läuft ständig in der Ausstellung am Parkplatz 8-10. bis zum 17. Oktober ist sie montags, dienstags und freitags von 10 bis 16 Uhr, die übrigen Wochentage zwei Stunden länger geöffnet. Der Eintritt ist frei. Martina Häusler zum Bild: „Hell Angel“ : Heinz Otterson Bilder verursachen beim Berachter eine Gänsehaut. Foto: Schulz

Im Traum wissen wir mehr
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Wahrheit, 10.10.1988

Im Traum wissen wir mehr

Ausstellung Heinz Otterson in der Villa Oppenheim

Garantiert spukt Heinz Otterson in seiner Ausstellung in der Villa Oppenheim herum, versteckt sich in einer Fenster- oder Flurnische oder läßt die fürchterliche Eingangsklingel aufkreischen und die Türöffnerin vergeblich rennen. Derlei Schabernack hängt in der Atmosphäre der Gedenkausstellung für den 1979 im Alter von 50 Jahren verstorbenen Charlottenburger Künstler. Ein Kobold ein Irrwisch muß er gewesen sein und einer der originellsten Künstler und Lebenskünstler, und zudem stimmt der Satz bei ihm, daß Kunst von Können kommt. Zeichner, Maler, Maler, Bildhauer, Poet, Filmemacher war er, den mindestens noch 20 Bezeichnungen seiner Freunde charakterisierten, darunter „Draulas Sancho Pansa, Ringelnatterson, Maskentänzer“. Die Austellung bestätigt die Sinngebung der Namen, macht lebendig durch die zum Nachlaß gewordenen, allesamt in Privatbesitz befindlichen Kunstwerke. Ölbilder, Zeichnungen, Skizzenbücher, Plastiken, genauer gesagt, Schrottplastiken sind zu sehen. Wie schade, daß eine so gelungene Hommage mit den gut zugeordneten und gehängten Arbeiten nicht wenigstens zwei Monate der Öffentlichkeit zugänglich bleiben konnte. Wir diese Art Humor, Spielerei und die Fähigkeit, hinter der Realität das Gespenstische und Phantastische als ihr immanent zu erkennen. Otterson hat es – es könnte fast Thema dieser Ausstellung sein – in seinem seiner Bilder ge nannt: „Im Traum wissen wir mehr“ (Öl, 1976). diesem Wissen war verbunden und hat es, ein seiltänzerischer Gauklerbruder der des Hieronymus Bosch, in übersprudelnden, phantastischen, düster-skurrilen, schmerzlich-poetische, bissig-guseligen, unversöhnlichen-exakten Bildschöpfungen offenbart. Seine zeichnerische Fähigkeit, schnell, leicht, der Fülle seiner Gesichte nachgebend, hat Blätter gezaubert, die fast wie Illustrationen zu Kinderbüchern, Kindheitswelten wirken, aber auch bitter-scharf wie die des „Hugenotten-Zyklus“ zeitlos gültige Menschenschinderei und -schlachterei. Und überall erinnern seine aus anderen als jene aus visionären Räumen stammenden Fundsachen geschaffenen Plastiken an seine Spielfähigkeit. Seltsame Gebilde aus Nägeln, Eisen-, Schrotteilen, darunter ein „Mondsoldat“ (geschweißtes Eisen 1973) oder wie dem Meeresgrund entrissene Kogge „Santa Maria“ (Eisen verkupfert 1973) zeugen von seiner Fähigkeit zu finden. Und wer so sehen und spielen konnte, muß eine Gabe besessen haben, die die Gedenkausstellung vermittelt: das Staunenkönnen. Und das heißt Ehrfurcht – sowohl vor dem Tode wie vor dem Leben, das für Otterson viel zu kurz war.

Iris Billaudelle

Durch die Falltür ins Maleratelier
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NZ am Wochenende, 10./11.03.1962

Durch die Falltür ins Maleratelier

Zehn brüchige Hozstufen knarren, wenn man ihn besucht. Und es besuchen ihn viele: Heinz Otterson den – man kann es ohne Übertreibung – wohl sagen profiliertesten der jungen Maler Berlins. Eine Großstadtstraße wie tausend andere auch, ein graues Haus mitten im Ortsteil Chalottenburg, ein grauer Hinterhof lassen nicht vermuten, daß hier das Atelier eines Malers liegt. Aber bald im Sommer, erhält der Hinterhof einige Farbtupfer, wenn der 32-jährige seine braunen Pappen mit Farbe grundiert und in der wärmenden Sonne trocknen läßt. Auf wertlosen Pappen entstehen Kunstwerke. Wie lebt ein junger Maler? Wie leben überhaupt die vielen jungen Künstler, wenn sie die Kunsthochschule verlassen haben? Nicht anders, als zu ihren Studienzeiten: auf dem Hinterhof links ein einstöckiges, abbruchreifes Haus mit ganzen zwei Räumen. „Komme gleich wieder“ steht mit weißer Kreide an der roten Brettertür geschrieben – geschrieben schon vor vielen Monaten. Wenn die Bewohner nicht zu Hause sind, dann stimmt`s immer. „Komme gleich wieder“, das kann in zwei Stunden, in zwei Tagen, in zwei Monaten sein. Und wenn die jungen Künstler das Haus hüten, dann ist´s auch zu hören: Im „Erdgeschoß“ macht das Schweißgerät Krach, ein Bildhauer baut Bettgestelle, um leben zu können. Zehn krachende Holzstufen, gleich einer Hühnerstiege, höher durch eine Falltür liegt Heinnz Ottersons Domizil: Gemälde an den Wänden, Gemälde auf der Staffelei, und manchmal auch eines unbemerkt, achtlos auf dem Fußboden. Kaum kann man sich bewegen, so voll ist die schiefe windige Bude von wunderlichen Drahtgebilden, Puppen, Flaschen, alten Äpfeln, schon fast ausgedienter Trompeten, unbeachteter Krimskrams neben Radieungen, Zeichnungen, die bestechen. Zwölf Semester Hochschule für bildende Künste hat der Meisterschüler Professor Stabenaus hinter sich. Seine Werke ähneln denen Kubins. Damit ist nicht die „Handschrift“ des großen Malers gemeint, sondern die thematische Ähnlichkeit: Dämonische Motive mit Titeln wie: „Der Wind ging durch den Wald“, und märchenhafte Motive, die so recht in das Kinderkrankenhaus Wedding passen. „Stipendiumgelder für Studenten sind nicht dazu da, daß die Künstler nach dem Studium auf Bau arrbeiten“, so begründete der Senator für Volksbildung seine Millionen kostendes Nothilfeprogramm für arbeitslose Künstler. Ein Arbeitszimmer schmückt jetzt ebenfalls ein Wandgemälde von Otterson, und „Mann“ staunten zwei Bauarbeiter von den Figuren im Kinderkrankenhaus, „hier kann ick mir direkt sattseh´n! Und det haste so janz alleene mit de Hand gemalen?“ Und sonst? Geschäftstüchtig ist er nicht. Er verschenkt vieles an seine Freunde und hat mit seinen Arbeiten schon manches Mal seine Schulden „für´n Appel und´n Ei bezahlt. Heinz Otterson lebt bescheiden und ist zufrieden. Zufrieden, wenn er nur malen kann: Einer ganzen Jugendbar hat er seine Note gegeben, einen Stand auf der Gastwirtsmesse ausgemalt und ein Babybuch illustriert. Seine Bilder waren auf mehreren Ausstellungen in Wien, Amsterdam und anderen großen Städten zu sehen. Kein Wunder, daß der Maler seine Schüler hat. Es ist nicht nur des Geldes wegen – es freut ihn sehr, wenn ein Dilettant seine Begabung entdeckt und mit Erfolg ausstellt. Und die Zukunft? Wie bisher: malen, junge Studentinnen, dicke Marktfrauen und auch die volkstümlichen Gäste verräucherter Eckkneipen, ohne den Hintergedanken des Geldes. „Können Sie nicht mal meinen Ollen zeichnen“, fragt fragt ein Arbeiter, von einem Tischlermeister übertrumpft: „Ick geb´ Ihnen Auftrag, meine Tochter zu malen!“ Zwischenruf des Arbeiters: „Det kannste jarnicht bezahlen“, daraufhin Otterson: „ Ick mach´s dir umsonst!“ Text zu Fotos: Diese Kunststudentin (links außen) ist als Modell und „Schülerin“ des Malers häufig Gast in seinem Hinterhof-Atelier (oben). – Das Werk ist geschafft! „Käpt´n Bilbo heißt die von Heinz Otterson ausgemalte Jugendbar am Berliner Kurfürstendamm. Die Motive, wie dieser kleiner „Spielmann“ (unten), passen so recht in die abendliche Tanzatmosphäre bei „Käpt´n Bilbo“.

Text und Fotos: Helger v. Kolipost

Gewichtige Kunst
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Berliner Morgenpost, 07.06.1963

Gewichtige Kunst

Der Große Bruder sieht sie an, nämlich die Besucher der „Berliner Juryfreien Kunstausstellung 1963“, die am 21. Juni am Funkturm eröfffnet wird. Der Bildhauer Heinz Otterson hat diesen unheimlichen Roboter aus Schrott geschaffen, ihm – in Anlehnung an Orwells utopischen Romans „1984“ -- die Bezeichnung „Großer Bruder“ gegeben und die fünf Zentner schwere Plastik für die Ehrenhalle auf dem Ausstellungsgelände zur Verfügung gestellt. Zusammen mit seiner monströsen Metallplastik stellte sich Otterson nicht ohne Stolz der Kamera.

Foto: Kolipost

Poesie aus Schrott
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Tagesspiegel, 05.09.1964

Poesie aus Schrott

Heinz Otterson stellt in der Galerie Bassenge aus

Eberhardt Roters, der wie man weiß, gern einmal den Zyniker spielt, zu unser aller Freude, schlägt im Katalogtext vor, Otterson möge sich doch selbst signieren, „an der Fußsohle oder hinter den Ohren“, er sei sein bestes Requisit. Das ist freilich gar nicht so zynisch, wie es sich anhört, der skurrile Vorschlag erhellt schlagartig einen tiefer liegenden Sachverhalt. Ganz abgesehen von der bartgeschmückten Gestalt des Künstlers, die vom äußeren Erscheinungsbild her jedem Kurfürstendamm- oder Vernissagenbesucher vertraut sein dürfte, ein zierlicher Jack Bilbo mit einem Schuß Landwehrmann von 70/71, ist Heinz Otterson, der 1928 in Berlin geboren, Studium bei Professor Stabenau, tatsächlich sein bestes Requisit. Als ginge es darum, nun endlich die Einheit der Künste wieder einmal unter Beweis zu stellen, zeichnet, lötet und schweißt er mit unverdrossen unverlorener Mitte ein Universun zusammen, das aus Können, Geist, Witz, Humor, hintergründiger Bedeutung und eben jenem besteht, das wir als Kunst zu bezeichchnen kaum umhin können. Ein Meister in seinem Schrott Kosmos, ein augenzwinkender Spuk zwischen höchster akademischer Rafinesse (im Zeichnerischen) und Pop (in den grotesk- phantastischen Skulpturen). Gerda Bassenge feine Kufürstendammgalerie sieht es an den Wänden aus wie eh und je gepflegt, mit glänzenden Skizzen und Zeichnungen in sauberen Passepartouts. Diese Otterson kann mit ein paar Schtrichen ein Fahrrad auf ein Blatt Papier werfen, daß die Speichen nur so blitzen, und ein Pferd herstellen, dessen realistische Unwirklichkeit von Troja bis zum mittlerweile aussterbenden Bierwagengaul reicht. Ein gefallener Engel sieht aus, wie ein Selbstporträt mit Flügeln. Lavierungen von überlegender Eleganz reichen bis in voll abstrakte Bereiche, aus denen eine jähe Verwischung oder ein plözlicher Tuschfederstrich – seliger Paul Klee – eine Fülle dinglicher Assozationen zaubern. Was zwischen den Wänden sich tut, wirkt um so bedrohlicher. Da steht ein verrosteter Soldat, aus tausend Einzelteilen zusammengesetzt, die Otterson auf den Schrottplätzen gefunden hat, den Abfallhaufen unserer technisierten Zivilisation, lauter „präfabriziertes Material“ das schon einmal als Nägel, Uhrwerk, Bandeisen, Türschloß, Spielkanönchen, Schlüsselbund, Korkenzieher, im Falle des Solsdaten sogar als Brandbombe seine Pflicht und Schuldigkeit getan hat. Es wurde weggeworfen, bis es jemand fand, den es an etwas erinnerte, der es als Material benutzte wie andere Bildhauer Gips, Stahl, Ton, Bronze. Ein Tänzer fand sich so zusammen, wie ein afrikanischfestwochenhafter Totem-Stierschädelkopf, dessen Hörner von der Lenkstange eines alten Fahrrads zeugen, das seine letzte Fahrt seit Jahren hinter sich hat, eine ganze Kathedrale, die Kinder-Vorstellung einer Kathedrale, deren Erhabenheit im Detail zusammenschrumpft und sich zugleich ausweitet zu lieben, altvertrauten Dingen: Überall ist Wunderland, man muß nur schöpferische Hände besitzen und das gilt für den Betrachter, ein bißchen mitschöpferische Phantasie. Nun gibt es Gerümpelkunst seit Dada die Menge. Aber kaum je zuvor hat einer sie derart brillant ausgeübt. Noch der Lötzinn, der über die einzelnen, absurd zusammengestellten Dinge geflossen ist und sie nun in eine verfremdete Gemeinsmkeit zwingt, hat so etwas wie „Oberflächenstruktur“. Wessen Augen gewohnt sind, auf der Gußhaut von Skulpturen in abstracto spazieren zu gehen, wird ebenso seine Freude daran haben können wie derjenige, der an die ganzen Gebilde herangeht wie an ein Ringelnatz-Gedicht, indem ja auch Banales, auf der Straße Gefundenes und insgeheim sehr Durchgefeiltes und Gekonntes, collagiert eine ganz besondere Art von Poesie ergeben. Der Poet in Otterson ist denn auch, der die Verbindung zu der fast akademischen Glorie seiner Graphik wiederherstellt. Die spielerische Eleganz der Zeichnungen entspricht der unmittelbaren Magie, die der Schrottsucher noch im unscheinbarsten Relikt von Gasherd oder Wasserhahn findet und freilegt. Das paßt zusammen wie Schlüssel und Schloß oder wie Faust und Mephisto. In der Welt der Kunst hat Otteson sich bis an ihre extremen Grenzen angesiedelt und er darf sich ganz in ihr zuhause fühlen. Ein seltener Fall. Ein Unikum. Otterson braucht sich nicht mehr selbst signieren; er hat es längst getan.

Heinz Ohff

Text zum Foto:
Bedrohliche Poesie aus Schrott Phantasie: der eiserne „Soldat“ von Heinz Otterson in der Ausstellung der Galerie Bassenge.
Foto: von Jaanson

Kompositionen mit Ungebräuchlichem
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Giessener Allgemeine, 20.11.1967

Kompositionen mit Ungebräuchlichem

die Galerie Sous-sol zeigt Werke von Heinz Otterson

Nur mit Mühe konnte sich am Samstagabend der Besucher einen Weg durch die Räume der Galerie Sous-sol bahnen, um die Werke des Berliner Künstlers Heinz Otterson zu sehen. Unübersehbarer Mittelpunkt in der Menschenmenge war der Künstler selbst, ein apostelbärtiger Berliner Original. 1928 in Berlin geboren, studierte er zwei Jahre an der Dresdner Akademie und lernte dann von 1953 bis 1959 bei Horst Stabenau an der Hochschule für Bildene Künste in Berlin. Seit 1957 interessiert er sich, angeregt durch die riesigen Berliner Schrottplätze, besonders für dieses Element, aus dem er seine kunstvoll im Detail gegliederten Schrottplastiken herstellt. Diese fielen dem Betrachter denn auch bei der Ausstellung besonders auf. Schrauben, Nägel, Handgranaten, Zahnräder, das alles ist in seiner Vielfältigkeit zu einem Gesamtkomplex zusammengeschmolzen, der einmal eine bedohliche Kriegsmaschinerie darstellt, dann wiederum nahezu kindhaft spielerisch zur Arche Noah wird. Der Künstler schöpft aus einer Phantasiewelt, in der das lachende Gespenst ebenso seinen Raum hat wie das Aggressive, Vernichtende. Diesen ambivalenten Spannungen im Schaffen von Heinz Otterson vermochte der Besucher zunächst wenig zu entnehmen. Unwillkürlich fragte man sich, was das für ein Künstler ist, der in seinen Zeichnungen exakte, feinnervige Striche setzt und gleichzeitig Plastiken entwirft, die aus verworfenem, unbrauchbarem Material stammen. In welchem Atelier konnte solches entstehen? Diese Frage beantwortete Prof. Dr. Dr. Horst E. Richter, Ordinarius für Psychsomatik an der Gießener Universität. Im Gepräch mit Otterson wies er auf Herkommen, Milieu und Kindheit des Künstlers hin. Es wurde deutlich, daß hier der Mensch nicht von seinem Werk zu trennen ist. Otterson macht nicht Kunst – er selbst ist Kunst. Ganz bewußt bezieht er sich in sein Werk mit ein. Dies erklärt der Künstler damit, daß er nicht bereit ist sei zur Neutralität; außerdem bemerkt er humorvoll, sei er selbst sein geduldigstes Spielzeug. Seine märchenhafte Phantasie ist nicht übriggebliebene Reminiszenz an Kindheitstage, die Umgebung seines Berliner Hinterhaus-Ateliers hat ihn nicht auf bissige Satire determiniert. Der Mensch Otterson hat als Künstler die Schranken der Realität überstiegen. Er ist der Realität nicht ausgewichen – er hat sie nur erweitert. Er hat auf den Schrottplätzen der Nachkriegszeit Reste von Handgranaten und Bomben gefunden, um einen Soldaten zu schweißen. Vielleicht ist es eine Hoffnung, die Realität, in der die Koordinaten nicht mehr stimmen, wo Schrottplätze einfach zugedeckt werden, revolutionär zu verändern. Ottersons Kunstwerke wenden sich nicht an den Intellekt des Betrachters, sie wollen nur wahrgenommen werden. In diesem Wahrnehmungsprozeß wirken sie als Reize, die neue ungewöhnliche Perspektiven aufzeigen. Diese Aufgabe können Zeichnungen und Plastiken nur bedingt genügen. Otterson nimmt daher das Medium Film zur Hilfe. Der zweite Teil des Abends gab er darüber Auskunft. Im Hörsaal der medizinischen Poliklinik zeigte er zusammen mit dem Kameramann des SFB Horst Kandeler, seine Kurzfilme. Diese Filme zeigen keine Handlungsabläufe, diskutieren kein Thema und wollen nicht unterhalten. Aus der Fülle täglicher simultaner Ereignisse greift Otterson einige heraus, um sie mit Hilfe assoziativer Verknüpfungen auf neuer Ebene zu vereinen. Aus der Realität wird Surrialität. Unlogisch und spontan, in grellen Farben führen diese Kompositionen Elemente zusammen, die getrennten Bereichen angehören, wie z. B. ein Rennauto auf einer Berliner Straße oder ein Zug von Schwänen mit Maschinengewehrfeuer als Geräuschkulisse. Otterson fügt diesen Assoziationen keine Interpretation hinzu. Seine Filme, ebenso die Bilder und Plastiken, fordern zu einer Veränderung des von ihm empfundenen Chaos auf. Es wird schwer sein, die Empfindungen Ottersons als unwahr abzutun. Wohl ist manches ärgerlich, nackt und schockierend, doch das Spiel der Phantasie diese Künstlers ist überzeugend. Es entlarvt, entschärft und bricht mit liebgewordenen Traditionen und Gewohnheiten. Es legt neue Möglichkeiten frei, fordert aber die uneingeschränkte Bereitschaft zur Wahrnehmung disharmonischer, konfliktträchtiger Zustände. Otterson gestaltet keine Visionen, er sagt ganz einfach, daß unsere Welt visionär ist. Bis zum 13. Dezember ist Gelegenheit, sich von den Werken diese Künstlers anregen (oder vielleicht auch aufregen) zu lassen.

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Spiel abseits des Respekttheaters
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tagesspiegel, 13.06.1971

Spiel abseits des Respekttheaters

Heinz Otterson arbeitet für das Fernsehen

der filmischen Exkursion des vergangen Jahre nach Worpswede soll nun eine nach Westfalen folgen. Die Filme „Worpswede “– aber wir fanden nur Paula“ und die „Schatzsuche“ (im benachbarten Bremen entstanden) fanden selbst im noch unfertigen Zustand das Gefallen der Fachleute vom Fernsehen. So beauftragte der SFB den Berliner Bilhauer, sein Worpsweder Filmexperiment im Westfälischen zu wiederholen. In diesen Tagen geht die Reise los und für eine Woche will Otterson auch in der Umgebung von Münster probieren, was schon in Worpswede gelang: durch gezielte Provokationen Passanten, Beamte, Angestellte oder auch Landräte zum filmischen Mitspielen zu animieren zu „Volksschauspielern“ zu machen. Schon in der alten Künstlerkolonie , die noch heute vom Ruhm Rilkes und Paula Modersohns zehrt, wollte er Dokumentarisches vor seine Kamera holen, doch keinen postumene Kult, der dort ohnehin zu Adenkentineff verkommen sei, seine dokumentarische Ambition zielte auf die Beobachtung des Lebens der Leute dort. Typische Grundeigenschaften, die vornehmlich den sozialen Bereich der angeheuerten Laienschauspieler charakterisieren, sollten sie ungeziert un improvisiert vor seiner Super-8-Kamera spielen. Ein Gartenarchitekt wählte die Rolle eines lüsternen Galans, der die eigene Frau im Wald mit „Spießersex“ verführt, ein Fleischermeister schimpfte ausführlich übers verbotene Betreten des Rasens. Erreichen will Otterson mit solchen spotanen Improvisationen den „Abbau einer manipulierten Genußsituation“, filmisches Spiel abseits des Respekttheaters“. Dabei geht es ihm freilich nicht um eine Kopie des Lebens, keine abfotografierten lebendigen Schnappschüsse. Obwohl Otterson kaum Requisiten benutzt und alles vor die Kamera schleppt, was er zufällig findet, sind seine Filme doch künstlich wie selten. Denn durch technische Manipulationen, durch komplizierte Kameraspiele erzielt er auch im Film, was in seiner Kunst, in seinen Bildern wie in seinen Plastiken, seine spezielle Neigung ist: Absurdes Phantastisches und Surreales. Solche Effekte gewinnt er auch aus ganz alltäglichen Situationen, durch rasche Bildfolgen, synkopische Bildschnitte und „Bildterror“, wie er es nennt. Die Technik wird ihm dabei auch inhaltliche Gestaltungsmittel. Durch Kameratricks, kameratechnische Finessen, durch unübliche Schnitte und nachträgliche Bearbeitung des hochempfindlichen Zelluloids – Rubbeln mit Sandpapier – erzielt er riskante optische Effekte, die er hinterher kaum etwas so zeigen, wie es ursprünglich war. Die westfälische Wiederaufnahme des Themas soll eine Variante nicht durchs unterschiedliche Naturell der Einwohner erfahren, sondern durch einige Plastiken, die Otterson dort als provokante Requisiten zum Einsatz bringen will. Beispiele seiner filmischen Tätigkeit zeigte Otterson, der den meisten mehr als Bildhauer und Maler bekannt ist, bereits an Universitäten, im Forum-Theater oder im Fernsehen, etwa sein „Kennwort Gänseblümchen“ oder ein Bonni-und Clyde-Groteske. Doch soll, was sich da anschickt zur Hauptprofession zu werden, die anderen Künste nicht verdrängen. Auch in Zukunft will Otterson sich mehrspurig den Medien widmen, um flexibel zu bleiben und Routine in einem Fach zu vehindern.

Text zum Foto:
Heinz Otterson nannte einen seiner Filme, dem unser Szenenbild entnommen ist, „Die Plapperschlange“. Die Darsteller sind Schüler , die Schrottplastik des Autos stammt von Heinz Otterson

Vorliebe für spaßigen Nonsens
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Spandauer Volksblatt, 13.06.1971

Vorliebe für spaßigen Nonsens
„Schrottpoet“ Otterson filmt für den SFB

Heinz Otterson, den meisten mehr als skurriler Schrottplastiker, als „borstiger Romantiker „ mit dem Beinamen „der Schrottpoet“ bekannt, der sich auf dem Terrain der phantastischen Kunst mit detailreichen Bildern, Grafiken und Plastiken einen Namen erworben hat, erprobte sein Talent auch schon häufig in einer Nachbarbranche: im Film. Die ersten filmischen Fingerübungen liegen lange zurück, und augeblicklich scheint es, als sollte der Blick ins Nachbarmedium zur Hauptprofession werden. Der Eindruck trüge, meint der Künstler; das bewegliche Medium soll die Beschäftigung mit den statischen Künsten keinesfalls verdrängen, er hält es da mit einer multimedialen Mehrspurigkeit, die einmal Routine verhindert und zum anderen das Spektrum der Wahlmöglichkeiten bei den verschiedensten Gestaltungen erweitert. Im Forumtheater, an der FU, an der Universität Gießen zeigte er bereits seine filmischen Exerzitien, doch die offiziellen Medien schickten seine Filme über den Äther: der Hessische Rundfunk einer Bonny-und Clyde-Groteske, der SFB sein „Kennwort Gänseblümchen“. Sein vorletzter Film, der im vergangenen Jahr auf einer fimischen Exkursion nach Worpswede und Umgebung gemeinsam mit dem Galeristen, Ben Wargin entstand, gab nun den Anlaß für eine offizielle Auftragsproduktion. Obwohl das dort entstandene Filmgut noch unfertig war, gefiel es den Profis vom Fernsehen selbst im Rohzustand einer Gliederkette von Szenarien, so daß sie ihn animierten, das Worpsweder Experiment in Westfalen zu wiederholen. Denn wie bei seinen Bildern, Grafiken und Skulpturen zeigt Otterson auch als Filmer eine Vorliebe für detailreiche Absurdität, surreale Auschweifungen, zuweilen auch spaßigen Nonsens. Die List der Technik nutzt er dabei auch für die inhaltliche Gestaltung, sie bleibt ihm nicht nur nützliches Beiwerk, sondern wird virtuos eingesetzt als inhaltliches Mittel. Durch Manipulationen, durch Tricks der Technik verleiht er den abfotografierten Gegenständen und Situationen eine neue Qualität. Kaum etwas bleibt da im Film, wie es in natura war. Zuweilen beginnt die eigentliche Arbeit erst am Schneidetisch, wenn durch Sandpapiergerubbel, durch unübliche Schnitte, durch rasche Synkopen das abgefilmte Material einer nochmaligen technischen Prozedur unterworfen und damit mit neuen Inhalten aufgeladen wird. Mit dieser Technik, seinem persönlichen Filmstil, den er „Bildterror“ nennt, gelingt es ihm, höchst banale, triviale Situationen zu dramatisieren. Deshalb braucht er auch keine kunstvollen Akteure, sondern bloße Situationen, die mit filmtechnischen Finesen verfeinert werden. Doch Ottersons Ambitionen in Worpswede und nun auch in Westfalen geht weiter. Mit seinen Kameraspielen will er Passanten zum Mitspielen bewegen. Authentizität mit eigener Note verkünstelt aufs Zelluloid bringen. In dem Film „Worpswede – aber wir fanden nur Paula“ (der Titel ist eine ironische Reminiszenz an den zu Andenkentinnef verkommenden Kult für Rilke und Paula Modersohn) wurden Landräte, Gartenarchitekten, Fleischermeister und Bauarbeiter zu Volksschauspielern“, die „abseits manipulierter Genußsituationen“ und jenseits „jeglichen Respekttheaters“ spontane Improvisationen typischer Situationen ihres Lebens vor Ottersons Super-8-Kamera spielten. Psychologische Grundgesten, soziale Typologien durch spontanes improvisiertes Laienspiel in den Film hereinzuholen, ist Ottersons Ziel. Dabei schwebt ihm keine lehrhafte Sozialkunde vor, auch kein abfotografiertes Leben, sondern mit bewußter Künstlichkeit inszinierte Improvisationen. Solch Laienspiel erzielt er durch gezielte Provokationen; in Westfalen werden seine eigenen Kunstpodukte, die Skulpturen der „Astronaut, die „Kanone“ und ein motorradfahrender Rocker die Initialzündung für die Volksschauspieler geben.

Daghild Bartels

Filigran-Schiff aus lauter Schrott
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Hamburger Morgenpost, 04.01.1977

Filigran-Schiff aus lauter Schrott

Die „Jules Verne“ fand noch nicht ihren Liegeplatz

Kiel – Das neueste Schiff aus der Kieler Förde ist nur aus Schrott. Der „Segler“ aus Draht, Schrauben und Altmetall ist eine Neuerwerbung im Kunstbesitz der Stadt Kiel. Urspünglich sollte die stolze „Jules Verne“, ein Werk des Berliner Bildhauers Heinz Otterson Kiels Jugend in einem Jugendzentrum zu künstlerischer Aktivität anregen. Doch dieser Plan zerschlug sich. Statt dessen soll das Schrott-Schiff jetzt in Kiels geplantem Schiffahrtsmuseum, das im Herbst eröffnet wird, einen „Hafen“ finden. Doch auch dieser „Liegeplatz“ für das 6000,-Mark Kunstwerk ist noch unsicher. Dr. Jürgen Jensen, der das Museum in der ehemaligen Fischhalle aufbaut: „wir haben jetzt schon mehr Material vorliegen, als wir unterbringen können. Nur wenn wir eine Abteilung „Kunst und Schiffahrt“ einrichten, ist das es denkbar, daß die ,Jules Verne` dort einen Platz findet.“

Monika Hirsch-Fischer

Text zum Foto:
Wohin mit Heinz Ottersons 6000,-Mark Kunstwerk?

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